Michael Dissieux - Graues Land

Eine graue, stille Welt, die sich weitergedreht hat ...

Inhaltsangabe:

Am Ende der Zeit ist die Welt grau und still. Jetzt zählen nur noch Erinnerungen. Und wenn die verblassen, stirbt der Mensch. Harvey und Sarah führen ein glückliches und ruhiges Leben in den Bergen. Als Sarah erkrankt, kümmert sich der alte Harv liebevoll um seine Frau. Doch eines Tages hat sich etwas geändert - in der Welt da draußen. Es beginnt damit, dass der Fernsehsender kein Programm mehr ausstrahlt, dann fällt die Stromversorgung aus. Auch das Telefon verstummt. Ein grauer Schleier umhüllt das Land. Eine trügerische Stille liegt über den Feldern, über dem Haus. Des Nachts glaubt Harvey, Kreaturen ums Haus schleichen zu hören. Und die kurze Begegnung mit einem jener Wesen im Garten, bringt die schreckliche Gewissheit, keiner Einbildung erlegen zu sein. Harvey beschließt, in Erfahrung zu bringen, was mit der Welt geschehen ist. Und so steigt er in seinen rostigen Van und fährt zu seinem alten Kumpel Murphy, der ein paar Meilen die Straße hinab ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt. Doch dieser scheint bereits dem Wahnsinn anheimgefallen zu sein ...

Der dystopische Kultroman von Michael Dissieux ist zurück!
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Diese Geschichte hat mir echt einiges abverlangt. Es dauerte keine fünf Minuten, schon klebte ich an den Zeilen wie eine Besessene. Und das passte ganz gut, wenn man sich vor Augen hält, um was es in "Graues Land" geht.

Zu Beginn lernen wir Harvey kennen, aus dessen Sicht erzählt wird, und erfahren, dass er sich um seine erkrankte Frau Sarah kümmert. Das fällt ihm ob seines Alters immer schwerer, denn er muss sie waschen, ihre Kleidung wechseln und sie füttern. Wann immer er kann, bürstet er ihre Haare und spricht mit ihr. Doch Sarah antwortet ihm nicht mehr. Sie ist zu krank, wirkt eher in sich gekehrt und teilnahmslos. Man bekommt das Gefühl, als existiere lediglich noch ihre äußere Hülle. Das hat mich ziemlich ergriffen, muss ich ehrlich sagen. Ich konnte Harveys Einsamkeit förmlich spüren, das quälende Gefühl des Alleinseins als ständigen Begleiter, so trostlos wie die Schatten an den Wänden, die ein paar Kerzen im Haus hinterlassen.

"Ich vermisse meine Mutter sehr. Selbst jetzt noch, da ich ein alter Mann von fast siebzig Jahren bin, denke ich oft an diese einzigartige Frau zurück. Wenn ich heute von 'Ihnen' (Anm.: die Monster) träume, ist niemand mehr da, dessen Körperwärme mich beruhigen kann." (Zitat Seite 12)

Ich habe ihn dafür bewundert, dass er sich täglich mühsam aufrappelt, um seinen Verpflichtungen im Haushalt und Sarah gegenüber nachzukommen.
Dann bricht eines Tages die Apokalypse über die Welt herein, Harvey verliert seine einzigen sozialen Kontakte und wird mit Dingen konfrontiert, die jeden gesunden Menschenverstand in den Wahnsinn treiben würden. Doch Harvey muss tapfer sein, muss hinausgehen und sich der neuen Welt stellen - für sich und Sarah.

Genau jetzt, in diesem Augenblick, habe ich einen dicken Kloß im Hals und Tränen in den Augen, während ich diese Wörter schreibe. Das Gelesene hallt noch ziemlich in mir nach und wird mich so schnell nicht mehr loslassen. Michael Dissieux schafft mit seinem klaren, direkten Stil eine äußerst melancholische Atmosphäre, die einen packt, fast schon erdrückt. Und doch kommt man nicht umhin, seiner Geschichte zu folgen und sie zügig weiterzulesen. Man wird sogartig mitgerissen und muss zusehen, wie man all die Informationen und Emotionen verarbeitet, die auf einen einprasseln. Da war es fast schon ein Segen, wenn sich der Autor passagenweise in Ausuferungen verliert. Könnte man kritisieren, wenn man längere Schilderungen als zäh empfindet. Ich allerdings konnte mich durch diese Ausuferungen noch mehr in die Situation hineinversetzen, die Auswirkungen einer Apokalypse intensiver nachempfinden. Man versteht den Wahnsinn, der einsame Menschen peu à peu überfällt, besser. Wenn man auf sich allein gestellt ist, tagein und tagaus von trostloser Leere umgeben ist, wie fühlt man sich dann? Hört man irgendwann auf zu träumen? Zu denken? Verliert man sich in der Bedeutungslosigkeit seines Seins? So wie Harvey, der sich in den letzten Tagen seines Lebens nicht nur dem apokalyptischen Grauen gegenüberstellen muss, sondern ebenso der Angst vorm Älterwerden.

"[...] Und ich weine um mich selbst. Denn was soll ein alter, sturer Narr wie ich in einer Welt, die vor die Hunde gegangen ist [...] Was habe ich in dieser Welt noch zu suchen?" (Zitat Seite 75)

Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor noch näher auf Sarah und ihre Krankheit eingeht und außerdem die Herkunft der an H.P. Lovecraft angelehnten Monster (Shogghoten) mehr beleuchtet. Die beiden Stränge blieben vergleichsweise oberflächlich thematisiert.

Persönliches Fazit: Dissieux packt den Leser an den Wurzeln der Seele, beißt sich fest und lässt nicht mehr los, bis auch der letzte Buchstabe seines dystopischen Werkes gelesen wurde. Eine tiefergreifende, bedrückende Geschichte, die letztendlich viel mehr aussagt, als es der Klappentext zunächst vermuten lässt. Bild- und sprachgewaltig - unbedingt lesen!

Achtung! Lesern, die an einer Depression leiden, rate ich von diesem Buch ab, da die Grundstimmung ziemlich düster ist!
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Bibliografie:

Autor: Michael Dissieux
Verlag: KOVD
ISBN: Privatdruck
Reihe: -
Genre: Dystopie
Erscheinungsdatum: 30.06.2020
Seitenanzahl: 304
Format: HC: 15,99 € // E-Book: 4,99 €
Leseprobe: Blick ins Buch
Leseexemplar: Ja

Rezension: © RO, Julie
Cover Original: KOVD Verlag
Grafikgestaltung: RO, Sabrina


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