Jo Nesbø - Insel der Ratten


Jeder ist sich selbst der Nächste

Inhaltsangabe:

Nach einer verheerenden Pandemie ist die Welt nicht wiederzuerkennen: Massenarbeitslosigkeit und Armut haben das demokratische Gleichgewicht gekippt, marodierende Banden beherrschen die Straßen der großen Stadt. Colin Lowe, einer der reichsten Unternehmer des Landes, rettet sich mit seiner Familie auf die Insel der Ratten. Derweil wütet sein Sohn Brad mit seiner Bande auf dem Festland und verschont nicht einmal Colins engsten Freund Will. Als er dessen Tochter Amy bei einem Überfall in seine Gewalt bringt, sinnt Will auf Rache. Sein Feldzug führt ihn auf das Dach eines Hochhauses, Schauplatz eines gnadenlosen Countdowns auf Leben und Tod.
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Jo Nesbø wirft uns mit "Insel der Ratten" ohne Vorwarnung mitten ins Chaos. Statt den Untergang der Gesellschaft mitzuerleben, landen wir in einer Welt, in der Moral, Recht und Menschlichkeit längst auf der Strecke geblieben sind. Eine Pandemie hat alles verändert, marodierende Banden beherrschen die Straßen und jeder kämpft nur noch ums eigene Überleben. Erschreckend ist dabei vor allem, wie realistisch dieses Szenario wirkt. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre fühlt sich vieles beunruhigend nah an.

Besonders spannend fand ich die Erzählweise. Die Geschichte springt zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen hin und her, sodass sich das Gesamtbild erst nach und nach zusammensetzt. Anfangs muss man sich zwar etwas orientieren, doch genau dieses Puzzle sorgt dafür, dass man ständig weiterlesen möchte. Vor allem der Konflikt zwischen Will, der trotz allem noch an Recht und Gerechtigkeit glaubt, und Brad, dem skrupellosen Anführer der Bande "Chaos", entwickelt eine enorme Dynamik.

Atmosphärisch macht Jo Nesbø vieles richtig. Seine klare, direkte Sprache erzeugt eine bedrückende Endzeitstimmung, ohne sich in unnötigen Ausschmückungen zu verlieren. Besonders gelungen fand ich, dass vieles nur angedeutet wird und die eigene Fantasie den Rest erledigt. Das sorgt für einige wirklich beklemmende Momente.

Allerdings muss ich auch sagen, dass mir die Gewalt stellenweise deutlich zu viel war. Das Buch ist auf platte Weise brutal. Manche Szenen wirken weniger schockierend, weil sie wichtig für die Geschichte wären, sondern eher, weil sie möglichst verstören sollen. Das ist natürlich Geschmackssache, für mich überschreitet Nesbø hier aber hin und wieder die Grenze zum Reißerischen. Gerade weil die Grundidee so stark ist, hätte die Geschichte diese permanente Eskalation eigentlich gar nicht nötig gehabt.

Auch bei den Figuren blieb bei mir ein kleiner Kritikpunkt hängen. Obwohl Will und Yvonne interessante Ansätze mitbringen, bleiben sie insgesamt etwas zu distanziert. Ich hätte mir mehr Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle gewünscht, um ihre Entscheidungen noch besser nachvollziehen zu können. Gleichzeitig wird der Zusammenbruch der Gesellschaft eher als Tatsache präsentiert, statt ihn wirklich ausführlich zu beleuchten. Genau darin hätte für mich noch viel mehr Potenzial gesteckt.

Hinzu kommt, dass "Insel der Ratten" ursprünglich als Geschichte in einem Sammelband erschienen ist – und genau das merkt man leider. Mit etwas mehr Umfang hätten sowohl die Figuren als auch die gesellschaftlichen Entwicklungen deutlich mehr Tiefe bekommen. So liest sich das Buch zwar in einem Rutsch weg, hinterlässt aber auch das Gefühl, dass hier eigentlich Stoff für einen wesentlich größeren Roman vorhanden gewesen wäre.

Persönliches Fazit: "Insel der Ratten" ist ein düsteres, beklemmendes und stellenweise erschreckend realistisches Endzeitszenario, das mit seiner besonderen Erzählstruktur und der bedrückenden Atmosphäre oft fesselt. Gleichzeitig leidet die Geschichte unter ihrer Kürze, oberflächlich gezeichneten Figuren und einer Gewalt, die für meinen Geschmack über das Ziel hinausschießt. Wer kompromisslose, harte Dystopien mag und sich an expliziten Gewaltszenen nicht stört, bekommt hier ein intensives Leseerlebnis. Wer sich dagegen einen klassischen, vielschichtigen Nesbø-Roman erhofft, sollte die Erwartungen etwas herunterschrauben.
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Bibliografie:

Autor: Jo
Nesbø
Verlag: ullstein
ISBN: ‎978-3550201530
Reihe: -
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 25.06.2026
Seitenanzahl: 208
Format: Print: 19,99 € / E-Book: 15,99 €
Leseprobe: Blick ins Buch
Leseexemplar: Ja

Rezension: © RO, Julie
Grafik: © RO, Sabrina
Cover Original: © ullstein Verlag


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