Interview mit: Claas Buschmann

Über sein aktuelles Buch: Wenn die Toten sprechen
 
Ihrer Biografie auf der Verlagsseite kann man entnehmen, dass Sie 1977 in Hamburg geboren wurden, bis vor Kurzem Oberarzt in der Berliner Rechtsmedizin und aktuell Leitender Oberarzt der Rechtsmedizin am UKSH in Kiel sind und im Auftrag der Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung diverser Fälle mithelfen. Wann und wodurch entstand der Wunsch, ein eigenes Buch zu schreiben?

Ich selbst habe diesen Wunsch nie deutlich verspürt, aber habe gelegentlich von Freunden und Bekannten gehört: „Mensch, bei dem, was du alles erlebst, das müsstest du eigentlich mal aufschreiben.“ Bin aber in der Routine gar nicht dazu gekommen bzw. hatte das nicht so im Blick gehabt, und dann hatte sich das nach einem Beitrag in der STERN Crime eher spontan ergeben. Daraufhin kam der Ullstein Verlag auf mich zu und fragte mich, ob wir nicht etwas zusammen machen könnten. Ich habe natürlich Ja gesagt und fühle mich bis heute dort gut aufgehoben und betreut.

Nun haben Sie mit "Wenn die Toten sprechen" ein Werk erschaffen, in welchem Sie auf reale Fälle aus Ihrem Berufsleben zurückgreifen. Fiel Ihnen das Schreiben dadurch leicht?

Das Schreiben fällt mir generell relativ leicht, allerdings mehr in Bezug auf wissenschaftliche Aufsätze. „Wenn die Toten sprechen“ ist ja nun ein komplett anderes Werk und mit Hilfe einer Ghostwriterin entstanden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass der Verlag sie mir zur Seite gestellt hat.

Könnten Sie sich vorstellen, bei nächsten Buchprojekten mehr auf Fiktion zu setzen?

Ich kann mir zwar vorstellen, einen fiktionalen Roman zu schreiben, aber es gibt noch so viele spannende Geschichten aus der Rechtsmedizin, die aus dem wahren Leben kommen, dass ich die zuerst erzählen möchte.

In einer Geschichte erwähnen Sie, dass die Rechtsprechung (Totschlag oder Mord) bei gewissen Verletzungen überholungsbedürftig wäre. Was genau würden Sie gerne ändern, wenn Sie könnten?

Ich bin natürlich kein Jurist und weiß daher nicht im Einzelnen, wie genau sich da etwas ändern müsste. Letztendlich ist es aber so, dass man nicht nur versterben kann, wenn eine Körperhöhle – also: Brust, Bauch oder Kopf – durch eine Verletzung eröffnet wird, sondern auch bei Stichen in Armen, Beinen oder in die Leisten. Ich würde mir wünschen, dass die Richter und Staatsanwälte das entsprechend anklagen bzw. verurteilen. Also nicht „Körperverletzung mit Todesfolge“, sondern tatsächlich als das, was es meiner Auffassung nach ist. Nämlich: „In Tötungsabsicht beigebrachte Verletzung“.

Ich war unheimlich schockiert darüber, dass viele Tode auf Alkoholmissbrauch oder Suizide zurückzuführen sind. Wünschen Sie sich dahingehend mehr Prävention?

Ja, das wäre natürlich schön. Generell ist Alkohol eine gesellschaftlich akzeptierte Droge, und über Suizide wird ja gar nicht gesprochen, obwohl das in fast jeder Familie in weiterem Umkreis vorkommt. Dahingehend wünsche ich mir einerseits mehr Prävention, andererseits mehr Diskussion.

Häufig werden Sie mit Bandenkriminalität und unangenehmen Zeitgenossen konfrontiert. Haben Sie manchmal Angst um sich und Ihre Familie?

Nein, habe ich tatsächlich nicht. Ich bin generell jemand, der ohne Angst durchs Leben geht. Ich habe allerdings meine Adresse beim Einwohnermeldeamt sperren lassen. Man weiß ja nie so recht, mit wem man es zu tun hat, und ich kenne auch Kollegen, die schon mal von unangenehmen Zeitgenossen angefeindet wurden.

Sie haben zusammen mit Berlinern anderer Fachrichtungen eine Initiative gegründet. Wie kam es dazu, und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Ich habe mich mit Notfallmedizinern zusammengeschlossen, um insbesondere die Qualität der Wiederbelebung nach Trauma zu untersuchen und ggf. zu steigern. Wir Rechtsmediziner sehen, als eigentlich einziges Fach, auch den Bereich der Medizin, der sich nicht im Krankenhaus abspielt: die sogenannte Präklinik. Wenn schwerverletzte Menschen trotz notärztlicher Behandlung auf der Straße versterben, also ehe sie das Krankenhaus erreichen, dann ist es so, dass sie bei der Obduktion eventuell auch Anhaltspunkte dafür bieten, dass eine Therapie vielleicht hätte besser laufen können. Und da geht es nicht um den konkreten Einzelfall oder um die Frage, was der einzelne Notarzt falsch oder nicht gemacht hat, sondern es geht eher um das große Ganze. Gibt es irgendwo Defizite in der Ausbildung? Müssen sich Leitlinien ändern? Wir haben mit den Arbeiten aus Berlin dazu einen kleinen Beitrag leisten können, was mich sehr stolz macht.

Privat spielen Sie als Dr. Boogie Jazz-Piano. Ist das ihr Ausgleich zu der ganzen Gewalt, die Ihnen häufig in Ihrem Beruf begegnet? Welche anderen Hobbys haben Sie außerdem?

Also, ich war schon ein begeisterter Boogie-Pianist, ehe ich überhaupt Medizin, geschweige denn Rechtsmedizin gemacht habe. Die Musik ist auch ein Ausgleich zu meinem Job, ganz klar, aber eben nicht nur, denn ich bin mit Jazzmusik aufgewachsen – mein Vater ist ein großer Jazzfan. Interessanterweise ist die Kombination „Medizin und Musik“ auch gar nicht so selten. Andere Hobbys? Im Moment sind es hauptsächlich meine Familie und meine Kinder, die das Licht meines Lebens sind.

Dürfen Sie uns etwas über kommende Projekte verraten? Sind zum Beispiel Online-Veranstaltungen geplant? Weitere Bücher – vielleicht sogar mit Michael Tsokos, mit dem Sie ja auch privat befreundet sind?

Kommende Projekte liegen coronabedingt zunächst auf Eis. Geplant ist aber am 20. März der Crime Day 2021 in Hamburg, eine Online-Veranstaltung.
Mit Michael Tsokos bin ich tatsächlich gut befreundet, gemeinsame Bücher haben wir allerdings vorerst nicht geplant.

Kurz und knackig: Warum sollten unsere LeserInnen Ihr Buch kaufen?

Ich hoffe, dass ich mit dem vorliegenden Buch ein kleines Schlaglicht darauf geliefert habe, dass Rechtsmedizin nicht immer so ist, wie man es im Fernsehen sieht. Wir beschäftigen uns eben nicht nur mit Mord und Totschlag und können auch nicht alles aufklären. In der Rechtsmedizin ist nicht nur wichtig, was man sieht, sondern auch, was man nicht sieht. Mir ist es mit meinem Buch hoffentlich gelungen, einen Blick auf ein sehr kleines, aber sehr schönes und vielfältiges Fach zu bieten, das deutlich mehr beinhaltet als das, was man Sonntagabend im Tatort im Ersten sieht.

 
 
Interview: © RO, Daniela
Grafik: © RO
Profilbild: © privat, Claas Buschmann

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